
Roman \"Inzest\" von Andreas Thiemig
Aus einer Liebesgeschichte, die schwerelos beginnt, entwickelt sich durch die Vorgeschichte der beiden Protagonisten ein am Ende tödliches Drama. Die 28jährige Michelle wurde in früher Jugend Opfer häuslicher Gewalt und eines Geschwisterinzests. Als sie auf den 8 Jahre älteren Robert trifft, entwickeln beide eine tiefe Leidenschaft füreinander, bis sie erkennen müssen, dass frühere Verstrickungen nach einer verhängnisvollen Auflösung drängen. Während Michelle sich mühevoll ein neues, positives Lebenskonzept erarbeitet, ist Robert nicht in der Lage, seine von schwerer Sucht überschatteten verqueren Motive zu beherrschen. So nimmt das Drama seinen Lauf.
Wenn Michelle über Leute las, die eigene Schwächen mit den Versäumnissen ihrer Eltern, wahlweise auch der Schule, des Staates oder der Kirche zu begründen wussten, fühlte sie in letzter Zeit einen immer heftiger werdenden Widerstand, den sie sich noch nicht erklären konnte. Ohne allzu hohe Vorbildung ahnte sie, was manch moderner Denker vielleicht in ein theoretisches Gerüst zu gießen vermag: Daß jene Ausreden eher ein Vehikel für eigene Trägheit und Unfähigkeit, ein fürchterlicher Ausfluß einer satten, selbstzufriedenen Gesellschaft sind, die nichts mehr verabscheut als : Sein eigenes Schicksal in die Hand nehmen. Vollkaskogesellschaft, dachte sie. Sie wusste nicht, von wem sie das gehört hatte (dem besser informierten Leser fällt sofort Helmut Kohl ein).
Aber Robert hätte auch dies begründen können, dachte sie. Er wäre mir mit der Antike gekommen und dann noch mit ein paar neumodischen Schriftstellern, die sogar Karrieren in der Wirtschaft aus Familiengeschichten herzuleiten wissen. Am Ende ist es auch egal, dachte sie. Ich muß nun die Blumen aufs Grab tun und dann muß ich zu Mutti und dann wird sie das Bild von Vati auf den Kaffeetisch stellen und dann werde ich ihr nicht in die Augen blicken damit ich nicht den Vorwurf darin sehen muß.
Die schönste Zeit des Tages fand Robert, wenn er die etwa acht Kilometer zum nächsten Postamt fuhr, immer nachmittags mit der erledigten Post des Tages, über die grünen Hügel, die seine neue Heimat geworden waren. In dieser Zeit – und nur dann – hörte er wahlweise aus den Gesamtausgaben von Mozart, Bach oder Beethoven, bei mäßigem Tempo des Jaguar, dessen Anlage die Musik einigermaßen befriedigend wiedergab. Stets endete ein Stück, kurz bevor er sein Haus wieder erreicht hatte, und stets fühlte er den Wunsch, die letzten Augenblicke noch etwas auszudehnen. Und schon lange wusste er, dass er süchtig nach dieser kurzen Fahrt war und das dies, so absurd es erschien, eine Gefahr für ihn darstellte. Absurd für wen, dachte er. Für die Familie, die Kollegen. Ich weiß, dass es nicht absurd ist. Es sind vielleicht meine letzten Tage in diesem gestohlenen Glück.
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